
(31.01.2010) Kennen Sie den texanischen Scharfschützen? Nein? Das ist der, der mit einer Schrotflinte auf eine Scheunenwand schießt, sich das Trefferbild anschaut und dann die Zielscheibe nachträglich so aufmalt, daß sich eine hohe Punktzahl ergibt. Kommt Ihnen nicht bekannt vor? Etliche sozial tätige Organisationen arbeiten so: Man legt erst mal los, um nach einer gewissen Zeit den
status quo zum ursprünglich angestrebten Zustand zu erklären. Das ist viel angenehmer, als sich gleich zu Beginn ein hartes, klares Ziel zu definieren und dann nach ein paar Jahren Rechenschaft ablegen zu müssen, ob denn das Ziel erreicht werden konnte. Dabei könnte ja rauskommen, daß durch eine Maßnahme, eine Methode, eine Einrichtung ein gestecktes Ziel nicht erreicht werden konnte - und das darf natürlich bei einer sozial tätigen Organisation nie herauskommen, weil deren Arbeit
per se gut und richtig ist.
Ich bin mal gespannt, ob das neueröffnete Familiennetzwerk am Frankfurter Berg ebenfalls nach der Methode des texanischen Scharfschützen vorgehen wird. So wie sich die Initiative, deren Aufgabe es nach eigenen Angaben ist "Eltern mit familienunterstützenden und -entlastenden Angeboten frühzeitig vertraut" zu machen ,eingeführt hat, halte ich das nicht für ausgeschlossen. Denn allgemeine Einigkeit darüber, daß der Stadtteil eine solche Einrichtung braucht, scheint es durchaus nicht zu geben. Bereits bei der Vorstellung im Ortsbeirat waren ja Stimmen laut geworden, die bezweifelten, daß eine solche Institution am traditionell in sich bereits gut vernetzten und an bürgerlichen und öffentlichen Institutionen nicht armen Frankfurter Berg unbedingt nötig ist. Nicht daß das etwas ändern würde, denn hinter dem Familiennetzwerk stecken das Sozialrathaus Am Bügel, das Haus der Volksarbeit e.V. sowie der Kinderschutzbund Frankfurt, alles honorige, sakrosankte Institutionen, die sich um die Resonanz vor Ort nicht kümmern müssen.
Mich hat sehr erstaunt zu erfahren, daß die Planungen für die Einrichtung bereits seit mehr als zweieinhalb Jahren laufen - ohne daß man am Frnakfurter Berg etwas davon gehört hätte. Der Vereinsring jedenfalls, der ursprünglich die Räume in der Sonnentaustraße 26 verwaltet hatte, die nunmehr das Familiennetzwerk in Anspruch nimmt, hat von der Initiative erst im Herbst des letzten Jahres erfahren - mithin erst zwei Jahre, nachdem die Planungen begonnen hatten. Der Ortsbeirat wurde gar erst in seiner letzten Sitzung im Januar ins Bild gesetzt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es gewagt haben würde, die Sache ohne Einbeziehung der Organisationen, die ich dann hinterher vernetzen möchte, durchzuziehen. Aber gut, die Sozialdezernetin, die die Eröffnung des Familiennetzwerks ebenfalls mit ihrer Anwesenheit adelt, macht ja dann noch mal klar, woher der Wind weht: Das Projekt bekommt vorerst von der Stadt € 90.000,- und wenn es gut geht und die Stadtverordnetenversammlung dazu nickt auch € 180.000,-. Darüber hinaus spendet American Express auch noch mal € 40.000,- und das macht dann eines klar: Der Drops ist gelutscht, das Ding ist von höherer Stelle gewollt und gewünscht und also werden die Organisationen, Institutionen und Vereine am Frankfurter Berg in bezug auf die Kinder- und Jugendarbeit in Zukunft vom Familiennetzwerk vernetzt, ob das nötig ist oder nicht.
Ich bin mir ziemlich sicher, daß wir in spätestens zwei Jahren hören werden, daß die Arbeit der Institution so segensreich war, daß sie dringend ausgebaut werden muß und das dazu weitere Mittel erforderlich sind. Der texanische Scharfschütze läßt grüßen ...
Familiennetzwerk am Frankfurter Berg